Unser Wochenende im Wir-Prozess
Im Januar 2026 haben sich die alten und neuen Mitglieder unserer Genossenschaft auf ein Experiment eingelassen.
Ein Wir-Prozess ohne Leitung, ohne Agenda, aber mit viel Gefühl.
Wir haben uns mit zwei Teilnehmenden zusammengesetzt, um über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Interview: Anne und Gertrud
Redaktion: Hand aufs Herz – ein ganzes Wochenende ohne ModeratorIn und ohne festes Thema. Wie war euer erster Gedanke, als ihr davon gehört habt?
Anne (erfahren): (lacht) Ich kannte das Format ja schon. Trotzdem ist da jedes Mal dieser kurze Moment von: „Oje, schaffen wir das dieses Mal wieder?“ Man weiß nie, was passiert. Aber genau darin liegt die Kraft.
Gertrud (neu): Ich war ehrlich gesagt etwas skeptisch. Ich bin erst seit letztem Jahr in der Genossenschaft und dachte: „Drei-Stunden-Blöcke und keiner sagt uns, was wir tun sollen? Wie soll das gehen?“ Es war eine Mischung aus Neugier und echter Nervosität.
Redaktion: „Keine Moderation“ klingt ja erst einmal nach einem strukturlosen Durcheinander. Gibt es in einem Wir-Prozess denn gar keinen Rahmen, an dem man sich festhalten kann?
Anne: Doch, absolut. Der Halt liegt nicht in einer Person, die das Sagen hat, sondern in den Kommunikationsregeln. Die sind eigentlich simpel, aber in der Umsetzung extrem wirkungsvoll.
Gertrud: Genau, das ist eine echte Umstellung! Eine der wichtigsten Regeln ist das Sprechen in der Ich-Form. Ich darf nicht dozieren oder über „die anderen“ reden, sondern nur von mir selbst und den eigenen Erfahrungen. Das nimmt sofort die Schärfe aus dem Gespräch.
Anne: Dazu gehört auch die aufmerksame emotionale Beteiligung. Wir sind nicht nur körperlich anwesend, sondern jede(r) übernimmt die Verantwortung für den eigenen Prozess. Wenn ich will, dass es gelingt, muss ich mich auch mit meinen Gefühlen einbringen.
Redaktion: Und wie habt ihr sichergestellt, dass nicht alle durcheinanderreden oder sich anschweigen?
Gertrud: Vor allem durch aufmerksames Zuhören. Das klingt banal, ist aber gar nicht immer einfach. Man lernt, wirklich hinzuhören, was der andere braucht oder was er eben nicht will. Manchmal finde ich es schwierig Stille auszuhalten. Ich dachte oft, ich müsste die Leere füllen, aber habe gelernt, dass Pausen wichtig sind, um nachzuspüren.
Anne: Es gibt eben kein vorher festgelegtes Thema. Alles, was gerade da ist, darf ausgesprochen werden. So nutzen wir unsere gemeinsamen Ressourcen viel besser und entwickeln eine Vision, die wirklich alle einbindet.
Redaktion: Gab es einen Moment, der euch besonders beeindruckt hat?
Gertrud: Für mich war es der Moment, als ich gemerkt habe, dass ich mich wirklich öffnen kann. Ich habe Dinge über mich erzählt, zum Beispiel, wie viel Nähe ich brauche, ohne dass ich das Gefühl habe, bewertet zu werden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich in der Gruppe so schnell so sicher fühle.
Anne: Das war für uns Erfahrene auch toll. Wir haben so viel Neues über euch erfahren, was in unseren Plena und Arbeitskreisen oft gar keinen Platz hat, weil es dort meist um Sachthemen geht. Ich habe plötzlich ganz andere Facetten an Menschen gesehen, die ich aus unserer bisherigen Zusammenarbeit schon gut zu kennen glaubte.
Redaktion: Was nehmt ihr für den Alltag in der Genossenschaft mit?
Gertrud: Mut! Den Mut, auch mal Unangenehmes oder Nerviges anzusprechen, bevor es zum großen Konflikt wird. Gleichzeitig nehme ich auch die Gewissheit mit, dass Kommunikation auch ohne Leitung gelingt.
Anne: Ich nehme die Zuversicht mit, dass unsere Vision als Gemeinschaft trägt. Das „Wir“ ist nach diesem Wochenende definitiv ein ganzes Stück größer geworden.
Stimmen aus der Runde
Neben unseren beiden Interviewgästen gab es am Ende des Wochenendes viel Resonanz aus der gesamten Gruppe.
Hier sind einige O-Töne, die das Erlebte auf den Punkt bringen:
- „Endlich konnten wir mal ehrlich über das Thema Arbeitseinsatz und Engagement sprechen. Ich verstehe jetzt viel besser, warum manche gerade nicht mehr geben können und was andere dazu motiviert, so viel zu tun.“
- „Anfangs hat mich die Stille nervös gemacht, aber am Ende war sie sehr wertvoll. Zusammen zu sein, ohne dass sofort jemand eine Lösung parat haben muss.“
- „Ich bin überrascht, wie viel Energie frei wird, wenn wir mal nicht über Finanzen oder Baupläne sprechen, sondern darüber, was uns als Menschen eigentlich bewegt.“
- „Ich habe sehr intensive Gefühle bei anderen und mir selbst erlebt. Ich konnte mich öffnen, ohne dass es mir unangenehm oder peinlich war.“
Hintergrund: Der Wir-Prozess nach Scott Peck
Der US-Psychiater M. Scott Peck entwickelte dieses Modell, um Gruppen dabei zu helfen, von einer oberflächlichen Verbundenheit zu einer echten, tiefen Gemeinschaft zu gelangen.
Die 4 Phasen der Gemeinschaftsbildung:
- Pseudogemeinschaft: Man ist höflich, vorsichtig und vermeidet Konflikte.
- Chaos: Unterschiede werden sichtbar, man ringt um Orientierung oder Regeln.
- Leere (Emptiness): Das Loslassen von Erwartungen und dem Drang, andere zu belehren.
- Echte Gemeinschaft: Tiefe Verbundenheit und ehrlicher Austausch.
Unser Fazit
Was bleibt nach diesem Wochenende im Januar 2026? Vor allem die Erkenntnis und auch ein wenig die Überraschung, dass Kommunikation in einer großen Gruppe ohne externe Moderation gelingen kann und zwar ohne, dass es chaotisch wird oder unlösbare Konflikte auftauchen.
Wir sind als „alte“ und „neue“ Genossenschaftsmitglieder ein großes Stück enger zusammengerückt und haben erfahren, wie wertvoll es ist, sich ehrlich zu begegnen. Wir freuen uns definitiv auf weitere Wir-Prozesse!
